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Mutige Kämpferin für die Wahrheit
Journalistin Olga Kitowa bei Soester ai-Gruppe
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| “Glauben Sie mir”, sagt Olga
Kitowa immer wieder an diesem Abend, glauben Sie mir, ich habe immer nur
die Wahrheit geschrieben.” |
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| Olga Kitowa
ist der Wahrheit verpflichtet. Nur der Wahrheit. Sie ist für ihre
Arbeit als Journalistin der einzige Maßstab. Ein Anspruch, den man
in Russland nur durchhalten kann, wenn man stark ist. Stark, um Korruptionsangeboten
zu widerstehen; stark, um trotz Misshandlung, Folter, falscher Anschuldigungen
und Willkürurteilen bei der Wahrheit zu bleiben. |
| Olga Kitowa ist stark. Umgerechnet
eine halbe Million Dollar hat ihr der Gouver- neur ihrer Heimatregion Belgorod
ange- boten, wenn sie aufhöre, über seine Machenschaften zu recherchieren
und zu berichten. Als sich Olga Kitowa nicht be- stechen ließ, versuchte
der Gouverneur, sie durch falsche Anschuldigungen und ein Gerichtsverfahren
zum Schweigen zu bringen. |
| Wer Olga Kitowa zuhört,
bekommt zwi- schendurch unwillkürlich Zweifel. Kann es so viel Korruption,
so viel Raffgier, so viel Willkür und Rechtlosigkeit in einem mit
Deutschland eng verbundenen Land überhaupt geben? “Glauben Sie mir,
es ist die Wahrheit”, unterstreicht Olga Kito- wa immer wieder. Die Wirklichkeit
in der russischen Provinz übersteigt leicht die Fantasie derer, die
die Verhältnisse nicht selber erlebt haben. |
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Olga Kitowa berichtete über die Unter- drückung von Meinungs-
und Presse- freiheit in Russland. |
Am 12. April berichtete Kitowa
im Bürgerzentrum Alter Schlachthof über ihre journalistische
Arbeit unter schwierigsten Bedingungen, über ihre Verfolgung und die
Bedeutung der ai-Appelle zu ihren Gunsten. Die Soester ai-Gruppe hatte
sie zusammen mit dem Presseverein Hellweg-Sauerland im Deutschen Journalisten-Verband
(DJV) eingeladen. Gut 50 Besucher waren der Einladung gefolgt. Nach dem
Vortrag von Olga Kitowa, der simultan gedolmetscht wurde, hatten die Zuhörer
Gelegenheit zur intensiven Diskussion. |
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| Der Abend mit Olga Kitowa im Bürgerzentrum
Alter Schlachthof war gut besucht. |
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| “Wer Kritik übt, gilt
als Feind”, sagt Olga Kitowa. Wer frei recherchieren und be- richten möchte,
ist eine Gefahr für die Mächtigen und wird auch so behandelt. |
| Ihr Fall in kurzer Zusammenfassung: |
| Im Dezember 2001 befand
ein Gericht in Belgorod die damals für die Zeitung Bel- gorodskaja
Prawda tätige Journalistin, die zugleich dem Parlament von Belgo-
rod angehörte, der Verleumdung und Beleidigung beziehungsweise Bedro-
hung einer Amtsperson für schuldig. Zu dem Gerichtsverfahren war es
nach der Veröffentlichung mehrerer Artikel gekom- men, in denen die
Journalistin im Zu- sammenhang mit einem angeblichen |
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Olga Kitowa mit ihrer Dometscherin. |
Vergewaltigungsfall Korruptionsvorwürfe
gegen offizielle Stellen erhoben hatte. |
| Olga Kitowa hatte Beamte
mit Polizeibefugnissen beschuldigt, einen Fall von Vergewaltigung gegen
sechs Studenten konstruiert zu haben. Daraufhin hatten Angehörige
des angeblichen Opfers Strafanzeige gegen sie gestellt. Das die Mutter
des angeblichen Opfers psychisch krank ist, hatte im weiteren verfahren
keine Rolle gespielt. |
| Olga Kitowa war erstmalig
im März festgenommen worden, weil sie Berichten zufolge der Vorladung
zu einer Vernehmung nicht gefolgt war, bei der sie we- gen Einmischung
in polizeiliche Ermittlungen, Verleumdung und Diffamierung befragt werden
sollte. Sie gab an, von den Polizeibeamten, die sie in das Büro des
örtlichen Staatsanwalts brachten, geschlagen worden zu sein. Zu einem
späteren Zeitpunkt am selben Tag wurde sie von Ärzten im Krankenhaus
we- gen Bluthochdrucks, Blutergüssen und weiterer Verletzungen
an Kopf und Armen medizinisch versorgt. |
Olga Kitowa
wurde erneut im Mai festgenommen und zusätzlich wegen Belei- digung
und Gewaltanwendung beziehungsweise Bedrohung einer Amtsper- son unter
Anklage gestellt. “Ich sollte angeblich zehn Milizönäre geschlagen
haben.”
“Eine Verbrecherin setzt
sich für Verbrecher ein”, skizziert Olga Kitowa die in- nere Logik
dieser Strategie. Grundsätzlich werde in Russland zuerst eine Stra-
fe ausgesucht, um missliebige Kritiker loszuwerden. Danach mache man sich
auf die Suche nach einer passenden Straftat, die dann angeklagt und per
Urteil geahndet werde. Die Justiz ihrer Heimatregion sei völlig vom
Gouverneur ab- hängig. Gewaltenteilung gebe es nicht. |
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Eine mutige Frau: Die russische Journa- listin Olga Kitowa. |
| Unmittelbar nach ihrer Festnahme
musste sie in ein Krankenhaus einge- wiesen werden, wo sie bis zum 8. Juni
2001 blieb. Ihre Gerichtsverhandlung wurde im Oktober eröffnet, nachdem
das Parlament von Belgorod entschieden hatte, ihre parlamentarische Immunität
aufzuheben. Kitowa war als unabhän- gige Abgeordnete ins Parlament
gewählt worden. “Ich habe nie einer Partei ange- hört”, betont
die Journalistin. |
| Am 20. Dezember wurde sie
zu einer zweieinhalbjährigen Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt.
Außerdem unter- sagte man ihr, in den kommenden drei Jahren ein öffentliches
Amt zu bekleiden. Des Weiteren wurde Olga Kitowa ange- wiesen, den durch
sie verursachten mo- ralischen Schaden an der Familie des angeblichen Vergewaltigungsopfers |
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durch eine Geldzahlung auszugleichen. |
| Am 3. Juli 2002 errang Olga
vor dem Obersten Gericht in Moskau einen Teiler- folg: Drei der fünf
Anklagepunkte gegen sie wurden in der Berufungsverhand- lung fallen gelassen:
Bestehen blieben “Beleidigung und Verletzung von Ange- hörigen der
Miliz”. Das Gericht reduzierte das Strafmaß von zwei Jahren und sechs
Monaten auf zwei Jahre und einen Monat Gefängnisstrafe, ausgesetzt
zur Bewährung. Der beste Strafverteidiger Russlands stand ihr bei
den Verfahren zur Seite. |
| Ungewiss ist indes das Schicksal
der Studenten, die wegen Vergewaltigung verurteilt worden waren. Sie verbüßen
ihre Lagerhaft und schreiben erschüt- ternde Briefe nach Hause. “Das
bedrückt mich sehr”, sagte Olga Kitowa in Soest. |
Der damalige ARD-Korrespondent
in Moskau, Udo Lielischkies, hatte mit sei- nem Film “Russische Treibjagd”
Olga Kitowas einsamen Kampf gegen das System aus Erpressung und Justizwillkür
dokumentiert. Sein Film trug maß- geblich dazu bei, dass sich Menschenrechtsorganisationen
und Journalisten- verbände für Olga Kitowa einsetzten.
Im November 2003 wurde
ihr der Preis der Pressefreiheit vom Deutschen Journalisten Verband (DJV)
in Wiesbaden verliehen. Olga Kitowa konnte den Preis und das Preisgeld
von 7500 Euro nicht persönlich entgegen nehmen, da die russischen
Behörden nicht ausreisen ließen. |
| Im Sommer 2004 gelang
ihr vor dem obersten russischen Gericht ihre voll- ständige
Rehabilitierung zu erreichen. Sie wurde in allen Punkten freigespro- chen.
Nachdem sie fast drei Jahre lang kein Visum bekommen hatte, durfte sie
im Herbst 2004 Russland verlassen. Seitdem lebt Olga Kitowa für ein
Jahr in Hamburg - dank eines Stipendiums der “Hamburger Stiftung für
politisch Verfolgte”. |
Noch bis August wird sie
in der Hansestadt bleiben. “Ohne die Hilfe von amnesty international hätte
alles nicht so ein gutes Ende für mich genommen”, sagt sie. Die internationale
Aufmerksamkeit habe ihr das Leben gerettet.
Nur selten haben ai-Aktive
die Chance, die Wirksamkeit ihrer Arbeit so hautnah bestätigt zu bekommen.
Im Rahmen der Russland-Kampagne hat sich auch ai-Soest für Olga Kitowa
eingesetzt. Umso beeindruckender war für die Gruppenmitglieder die
persönliche Begegnung mit dieser mutigen Frau.
Im Sommer wird sie nach
Russland zurückkehren. In eine ungewisse Zukunft. Denn die Zeitung
“Russischer Kurier” in Moskau, für die sie zuletzt gearbeitet hatte,
ist zum 1. April geschlossen worden. Genauso wie die Zeitung Moskow News.
“Auf Druck des Kreml”, sagt Olga Kitowa. Denn: Wer kritisch berichtet,
wird ausgeschaltet.
Internationale Aufmerksamkeit
und der Aufbau eine russischen Zivilgesell - schaft mit unabhängigen
Medien sind für Olga Kitowa Bausteine für Demo- kratie in Russland.
Auch wenn der Bundeskanzler Präsident Wladimir Putin als “lupenreinen
Demokraten” bezeichne - von demokratischen Verhältnissen sei Russland
noch weit entfernt.
Martin Huckebrink
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