Proteste in Tibet: Amnesty International fordert Stopp der Gewalt und unabhängige Untersuchung durch die Vereinten Nationen (20.03.2008)
Im August 2008 finden die Olympischen Sommerspiele in Peking statt. Seit Monaten geht die chinesische Regierung verstärkt gegen Kritiker im Lande vor. Menschenrechtsaktivisten werden bedroht, unter Hausarrest gestellt, verhaftet. Auch das Vorgehen gegen anfangs friedliche Proteste in Tibet zeigt die harte Linie der chinesischen Führung im Vorfeld der Spiele.
Diese Entwicklung bestätigt die Befürchtung, dass die Ausrichtung der Olympischen Spiele nicht automatisch zu einer Verbesserung der Menschenrechtssituation in China führt. Und dass Peking sich nicht an sein Versprechen aus dem Jahr 2001 hält, die Einhaltung der Menschenrechte im Vorfeld der Spiele zu verbessern.
Was geschah in Tibet?
Die Proteste begannen am Montag, den 10.3.2008, als über 400 Mönche aus dem Kloster Drepung einen Demonstrationszug in Richtung der tibetischen Stadt Lhasa anführten. Sie wollten gegen eine von der Regierung angeordnete Kampagne protestieren, in der tibetische Mönche gezwungen werden, den Dalai Lama schriftlich zu verurteilen. Über 50 Mönche wurden auf dem Weg in die Stadt verhaftet. Daraufhin schlossen sich andere Klöster sowie die Menschen in Lhasa und in anderen Landesteilen Tibets der Bewegung an. Auch aus den benachbarten Provinzen Qinghai, Gansu und Sichuan wurde über Proteste von Tibetern berichtet.
Polizei und Militär haben Berichten zufolge mit Tränengas in die Menge geschossen, Demonstranten geschlagen und scharfe Munition auf sie abgefeuert, um sie zu zerstreuen. Am Freitag wurden die Demonstrationen in Lhasa gewalttätiger, einige Demonstranten setzten Polizeifahrzeuge und Geschäfte von Chinesen in Brand. Offizielle chinesische Quellen sprechen von 13 Toten, während tibetische Exilorganisationen von rund 100 Toten ausgehen. Verlässliche Informationen sind derzeit kaum zu bekommen, insbesondere da der Zugang für Journalisten und andere Beobachter zu den Orten, an denen Proteste stattfanden, nicht mehr möglich ist. Berichten zufolge nehmen Polizei und Militär in Lhasa systematisch Razzien vor. Einzelne Bewohner werden nach Angaben von Augenzeugen aus ihren Häusern gezerrt.
Auch in Indien und Nepal kam es in der vergangenen Woche zu friedlichen Protesten von Tibetern. In Indien wurden Demonstranten von einem geplanten Marsch zur chinesischen Grenze abgehalten und verhaftet. In der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu wurden Demonstranten gewaltsam auseinander getrieben. Einige wurden kurzzeitig festgenommen und berichteten, dass sie geschlagen und misshandelt wurden.
Die Position von Amnesty International (AI)
AI ist sehr besorgt darüber, dass die chinesischen Sicherheitskräfte exzessive Gewalt gegen tibetische Demonstranten einsetzen und dass sie die Rechte der Tibeter auf Meinungs- und Versammlungsfreiheit beschneiden. AI fürchtet, dass es in der angespannten Situation zu weiteren Menschenrechtsverletzungen kommen könnte.

Deshalb fordert AI von den chinesischen Behörden,

  • keine exzessive Gewalt bei der Wiederherstellung der Ordnung und dem Schutz von Menschen und Eigentum einzusetzen;
  • eine unabhängige Untersuchungskommission der UN zuzulassen und Journalisten sowie anderen unabhängigen Beobachtern die Einreise nach Tibet und in die angrenzenden Provinzen zu gestatten;
  • umfassend über die Lage der Inhaftierten zu informieren und sicherzustellen, dass sie nicht misshandelt werden und Zugang zu einem fairen Verfahren haben;
  • alle Menschen freizulassen, die friedlich protestiert haben und festgenommen wurden, und das Recht jedes Menschen auf Meinungsfreiheit zu respektieren.
Besondere Bedeutung kommt der Forderung nach freiem Zugang für Journalisten zu: Anfang 2007 wurde die Berichterstattung für ausländische Journalisten im Vorfeld der Olympischen Spiele von den chinesischen Behörden gelockert. Dies wird von der chinesischen Regierung und dem IOC seitdem als wichtiger Beitrag zur Verbesserung der Menschenrechte hervorgehoben.
Appellvorschlag:
Bitte schreiben Sie Appelle mit den Forderungen an den chinesischen Ministerpräsidenten:

Ministerpräsident
WEN Jiabao Guojia Zongli
The State Council General Office
2 Fuyoujie, Xichengqu
Beijingshi 100017
VOLKSREPUBLIK CHINA

Bitte schicken Sie Kopien an die chinesische Botschaft:
Kanzlei der Botschaft der Volksrepublik China
S. E. Herrn Ma Canrong
Märkisches Ufer 54
10179 Berlin

www.amnesty.de/china
www.goldfuermenschenrechte.de

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